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13.09.2019 Draghis Endspurt beginnt: EZB senkt Einlagezins auf Rekordtief

Aktuelle EZB-Sitzung: Geht Mario Draghi mit einem Knall? Die gestrige EZB-Sitzung wurde mit Spannung erwartet. Beobachter vermuteten einen Abschiedsstreich Mario Draghis in seiner vorletzten geldpolitischen Sitzung – und der scheidende EZB-Präsident enttäuschte die Erwartung nicht. Da das konjunkturelle Umfeld sich nach wie vor nicht entscheidend besserte, schnürte die EZB ein Maßnahmen-Paket, das der europäischen Wirtschaft einen erneuten Impuls geben soll: Die Währungshüter beschlossen die weitere Senkung des Einlagezinses auf -0,5 Prozent und sie kündigten die Wiederaufnahme der Anleihekäufe an. Ab dem 1. November wird die EZB monatlich Staatsanleihen im Wert von 20 Milliarden Euro kaufen. Zudem machte Draghi die Bereitschaft deutlich, über dieses Paket hinauszugehen, wenn es notwendig erscheinen sollte.

Die Senkung des Einlagezinses von -0,4 auf -0,5 Prozent wird von mehreren Banken heftig kritisiert: Gesamtwirtschaftlich würde dadurch kaum eine Wirkung erzielt und es bedeute lediglich eine zusätzliche Belastung für Banken und Sparer. Michael Neumann, Vorstandsvorsitzender vom Finanzdienstleister Dr. Klein, sieht für den Großteil der Sparer keine Nachteile: „Eine direkte Belastung halte ich für unwahrscheinlich, da Banken die Negativzinsen vermutlich nicht an ihre Kunden weitergeben werden. Hier hat die Politik einen Warnschuss abgegeben, indem sie schon vorsorglich darüber diskutiert, Negativzinsen für Sparer per Gesetz einzuschränken.“

Für die Banken selbst stellt der verschärfte Strafzins allerdings eine weitere Belastung dar. Bereits jetzt zahlen Geldhäuser im Euroraum jährlich rund 7,5 Milliarden Euro Negativzinsen an die EZB. Um die Beeinträchtigung durch die Zinssenkung abzumildern, beschloss die EZB daher die gleichzeitige Einführung eines Staffelzinses. „Grundsätzlich sind Banken durchaus unterschiedlich vom negativen Einlagezins betroffen“, erklärt Michael Neumann. „Kreditinstitute mit hohem Einlageüberhang wie Sparkassen oder genossenschaftliche Banken trifft der sogenannte Strafzins überproportional. Man sollte aber nicht übersehen, dass die niedrigen Zinsen auf der anderen Seite auch extrem gute Refinanzierungskonditionen ermöglichen. Das Zinsniveau hat also nicht nur Nachteile – weder für Banken noch für Verbraucher.“

Fortsetzung oder Neuanfang – was erwartet uns unter Christine Lagarde als EZB-Chefin?

Ab November 2019 wird Christine Lagarde für acht Jahre die Europäische Zentralbank leiten. Bereits jetzt ist klar, dass die Französin die lockere Geldpolitik ihres Vorgängers fortführen wird – mit einem Unterschied: Die EZB könnte unter ihrer Präsidentschaft deutlich politischer werden. Lagarde rückt auch weichere Themen wie Klimaschutz oder die Außenkommunikation der EZB in den Fokus. Die Notenbank müsse den Bürgern besser erklären, warum sie tut, was sie tut.

In einer Anhörung vor dem EU-Parlament betonte Lagarde, wie wichtig strukturelle Reformen für einige europäische Länder sind. Gleichzeitig forderte sie, dass Staaten, die über ausreichenden finanziellen Spielraum verfügen, mehr für die Konjunktur tun müssten. „Bei dieser Aussage muss sich vor allem Deutschland mit der starren Politik der „schwarzen Null“ und hohen Haushaltsüberschüssen angesprochen fühlen“, meint Michael Neumann. „Die Bundesregierung hat die massiven Überschüsse der letzten Jahre vor allem für Umverteilung und nicht für wichtige Zukunftsinvestitionen verwendet. Insofern kann ich mir vorstellen, dass der Ton zwischen der EZB und deutschen Politikern unter Lagarde etwas rauer wird – zumindest solange die Regierung die schwarze Null weiter verteidigt und kein Konjunkturprogramm auflegt. Ich gehe davon aus, dass wir diese Diskussion noch in diesem Herbst bekommen werden, wenn die BIP-Zahlen für das dritte Quartal vorliegen und die technische Rezession in Deutschland amtlich ist.“

USA: die Unberechenbarkeit des Donald Trump

Beim Thema Handelskonflikt hat sich in den vergangenen Wochen wenig getan. Im Oktober steht zwar die nächste Verhandlungsrunde zwischen China und den USA an, doch die Gespräche dürften noch einige Zeit andauern. Obwohl die US-Wirtschaft nach wie vor wächst, reagiert Fed-Chef Jerome Powell proaktiv und signalisiert die Bereitschaft für weitere Zinssenkungen. Viele Ökonomen erwarten den nächsten Zinsschritt bereits auf der kommenden Sitzung am 18. und 19. September. Die Aussichten für die weitere Konjunkturentwicklung sind trotz des Handelskonfliktes unverändert gut: Zwar verlangsamt sich das Wachstum leicht, die Arbeitsmarktdaten und auch die Inflationserwartung in den USA bleiben jedoch positiv.

Freier Fall für Bauzinsen

Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe sank zuletzt auf immer neue Rekord-Tiefstände, im August fiel sie erstmals unter minus 0,7 Prozent. Der wahrscheinliche Aufschub des Brexits stoppte den Sinkflug der Rendite allerdings vorübergehend. „Erstmals seit Mitte Juli entfernte sich die Negativrendite wieder von den neuen Allzeittiefständen“, erklärt Michael Neumann. „Auch die Bauzinsen bewegen sich nach einem erneuten Rekordtief von 0,42 Prozent Ende August wieder marginal nach oben.“ Der Bestzins für zehnjährige Hypothekendarlehen liegt aktuell bei 0,51 Prozent (Stand: 11.09.2019).

Tendenz
Kurzfristig: eingeschränktes Aufwärtspotenzial
Mittelfristig: schwankend seitwärts





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