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22.01.2016 Auf Holz gebaut – Unternehmenszentrale der Stadtwerke Lübeck

Bild: pbr Planungsbüro Rohling AG / Fotograf Ulrich Hoppe, Hamburg
Nachhaltigkeit, Effizienz und Klimaschutz – Aspekte, die vielerorts besprochen, doch selten gelebt werden. Die Stadtwerke in Lübeck gehen mit gutem Beispiel voran. Mit dem Bau ihrer neuen Unternehmenszentrale als Passiv-Energiehaus in Holz-Bauweise erfüllen sie nicht nur energetisch höchste Standards, sondern bieten über 400 Mitarbeitern moderne Büros in einer einzigartigen Atmosphäre.

Die Stadtwerke in Lübeck sind der bedeutendste Energieversorger im Wirtschaftsraum Lübeck und zählen zu den größten Unternehmen in Schleswig-Holstein. Rund 130.000 Haushalte und Unternehmen werden von ihnen mit Gas, Wasser, Wärme, Internet und Telefonie beliefert. Um die bisherigen Betriebsstrukturen auf einen Standort zu konzentrieren, lobte die Gesellschaft einen Teilnahmewettbewerb aus. Das daraus hervorgegangene Verhandlungsverfahren konnte die Ed. Züblin AG, Direktion Mitte, Bereich Thüringen für sich entscheiden. Im Auftrag dieser erbrachte die pbr AG die Genehmigungs- und Ausführungsplanung. Der Entwurf für den Neubau sowie die funktionale Leistungsbeschreibung und Kostenschätzung stammen vom Architekturbüro Klein Architekten aus Budenheim. Zum Jahreswechsel 2014/15 wurde nach nur einjähriger Bauphase die neue Gesamtverwaltung im Passivhausstandard bezogen. 256 Büros, Konferenz- und Seminarräume sowie ein Service-Center und ein Restaurant stehen den Mitarbeitern seither zur Verfügung.

Lebhaftes Fassadenbild

Glas, Grün, Fichten- und Lärchenholz bestimmen die Fassadengestaltung und transportieren das umweltfreundliche Image der Stadtwerke Lübeck erfolgreich nach außen. In den Brüstungs- und Sturzbereichen kam eine unbehandelte, glatte Lärchenholzschalung in Nut-Feder-Konstruktion zum Einsatz. Der nachwachsende Rohstoff ist durch die PEFC-Zertifizierung nicht nur besonders ökologisch, sondern besitzt zudem sehr gute Dämmeigenschaften und bedeutet geringe Instandhaltungskosten. Graue Fensterbänder gliedern die Holz-Fassade im Rhythmus der vier Geschosse. Für diese wurde pulverbeschichtetes Aluminium im Außenbereich und Fichtenholz im Innenbereich verwendet. Faserzementplatten mit einer glatten Oberfläche in lime green lösen die Fensterbänder in regelmäßigen Abständen auf und lassen ein lebhaftes Fassadenbild entstehen. Alle Fenster entsprechen dem Passivhausstandard und sind hoch wärmegedämmt sowie dreifach verglast. An der Süd-, Ost- und Westfassade wurden sie mit hinter der Holzfassade verdeckt liegenden Verschattungselementen verkleidet, die raumweise gesteuert werden können.

Besondere Formgebung

Von außen betrachtet stellt sich der Neubau der Stadtwerke Lübeck als rechteckiger Komplex mit abgerundeten Ecken und unterschiedlichen Seitenlängen dar. Aus der Vogelperspektive heraus gesehen, löst sich der rechteckige Neubau in zwei L-förmige Baukörper auf, die durch ihre Anordnung einen großzügigen und lichtdurchfluteten Innenhof entstehen lassen. Die beiden Baukörper verbindet auf der einen Seite der Eingangsbereich, ein nach Süden ausgerichtetes Foyer von etwa 13,50 m Breite. Die großzügige Fensterfront in Pfosten- Riegel-Konstruktion aus Brettschicht-Holz mit einer Drei-Scheiben- Passivhaus-Verglasung reicht über alle Geschosse und kennzeichnet eindrucksvoll den Eingangsbereich der Hauptverwaltung. In diesem Bereich wurden keine Decken eingezogen, so dass Konstruktion und Höhe des Gebäudes bis in das dritte Obergeschoss sichtbar sind und ein imposantes Bild entstehen lassen. Von hier aus erschließt ein Treppenhaus in Stahl die Baukörper. Die Geschosse der beiden unabhängigen Gebäudeteile wurden durch Brücken verbunden. Auf der gegenüberliegenden Seite des Foyers befindet sich im Erdgeschoss das Mitarbeiterrestaurant, das auch externen Seminarteilnehmern zur Verfügung steht. Geschosshohe Fenster lassen vielfältige Blicke in den begrünten Innenhof zu. Bei gutem Wetter lädt auch dieser zum Verweilen ein. Eine „Fuge“ zwischen den Baukörpern bildet hier den Ein- und Ausgang zum Innenhof. An dieser Stelle sind die einzelnen Geschosse über offene Außenbrücken verbunden, die durch eine Wendeltreppe vertikal erschlossen werden. Sie dient im Brandfall als externes Fluchttreppenhaus.

Spannung und Dynamik

Durch die L-förmigen Baukörper mit den sich aufweitenden Schenkeln erhält der Neubau eine gewisse Spannung und Dynamik, diese stellte allerdings auch eine besondere Herausforderung im Hinblick auf die konstruktive Umsetzung dar. Durch die Realisierung zentraler Kommunikationsbereiche in den Mittelzonen mit situativ nutzbaren Meeting-Points und Aufenthaltsbereichen konnte diese Dynamik in den Innenraum übertragen werden. Je nach Bedarf und Arbeitssituation können diese Bereiche genutzt werden. Entsprechend finden sich hier individuell gestaltete Meeting-Points sowohl für spontane Teammeetings mit Highdesks für den Anschluss von Laptops als auch in Lounge-Anordnung für den angeregten Austausch. Um einen gemeinschaftlichen Zugriff auf Dokumente zu ermöglichen, wurden in den Mittelzonen neben Druckstationen und Garderoben außerdem sogenannte Teamarchive angeordnet. Aus den Flurbereichen heraus lassen sich die entlang der Außenwände liegenden Büroräume erschließen. Sie sind im Zwei-Achs-Raster von 2,70 m für eine Person oder im doppelten Raster von 4,50 m für zwei Personen ausgelegt. In den Eckbereichen des Gebäudes wurden aufgrund der abgerundeten Außenwände und dem damit verbundenen besonderen Grundriss repräsentative Büros, Besprechungszimmer und Schulungsräume eingerichtet. Die Konferenzräume, die mit modernster Medientechnik ausgestattet sind, können über eine Ressourcendatenbank gebucht werden. Zusätzlich zu den zentralen Konferenzräumen wurden in den einzelnen Geschossen innen liegende Besprechungsräume eingerichtet. Getrennt werden offene und geschlossene Bereiche durch Glaswände. Sie erleichtern die Kommunikation, erhöhen den Lichteinfall und erzeugen größtmögliche Transparenz.

Hölzerne Tragwerkskonstruktion

Das Haupttragwerk des Gebäudes wurde in Holzbauweise errichtet. Es besteht aus Stützen und Trägern aus Brettschicht-Holz, die in ihrer Anordnung über dem Grundriss ein Holzskelett entstehen lassen. Brettsperrholz-Elemente, die über die Stützen- und Trägerkonstruktion spannen, bilden die Geschossdecken und steifen das Gebäude in Anlehnung an die Erschließungskerne in Stahlbeton horizontal aus. Ebenso dienen gebäudehohe Stahlbeton-Wandscheiben, die als Brandwände fungieren, der Horizontalaussteifung. Sie nehmen beispielsweise die auf die Fassade wirkenden Windkräfte auf. Neben den Erschließungskernen wurden auch die Teilunterkellerung und der Gastronomiebereich in Stahlbeton errichtet.

Individuelles Brandschutzkonzept

Um u. a. dem Wunsch des Bauherrn nach einer sichtbaren Holzkonstruktion zu entsprechen, lag ein besonderes Augenmerk auf der Erstellung und Realisierung eines Brandschutzkonzeptes. Darüber hin-aus sollte der Neubau ohne die bei Holzgebäuden in dieser Größenordnung üblichen Kompensationsmaßnahmen wie eine Sprinkleranlage auskommen. Erreicht wurde dies durch die Einteilung des Gebäudes in drei Brandabschnitte mittels gebäudehoher Stahlbeton-Wandscheiben. Diese wurden in weitere kleinere Nutzungseinheiten je 400 m. aufgeteilt. Gefordert war eine Feuerwiderstandsklasse von F60. Die Decken-, Stützen- und Trägerquerschnitte wurden aus statischer Sicht so überdimensioniert, dass auch nach 60 Minuten andauerndem Brand genügend „gesundes“ Holz stehen bleibt. Nicht tragende Innen- und Außenwände wurden mit OSB-Platten und Gipsfaserplatten bekleidet, so dass die erforderliche Feuerwiderstandsdauer erreicht wird. Trennwände wurden in Trockenbauweise mit Metallständerwerk ausgeführt.

Holz als atmosphärisches Gestaltungselement
Das Innenraumkonzept des Neubaus wurde nicht nur durch die offene Holzkonstruktion, sondern maßgeblich auch durch die Tragwerkskonstruktion beeinflusst. Stützen und Träger galt es in die Konzeption miteinzubeziehen, so dass die Holzkonstruktion und der Werkstoff Holz als dominierendes, gestalterisch sichtbares Element erhalten bleiben und bewusst hervorgehoben werden. Das Ergebnis ist eine individuelle Raumaufteilung und eine einzigartige Atmosphäre. Um Installationen wie Elektrotrassen, Lüftungs- und Wasserleitungen unter den Decken zu führen, mussten die Unterzüge mit Durchbrüchen versehen werden. In einigen Bereichen wurden die Installationen hinter Deckensegeln versteckt, in anderen Bereichen blieben die technischen Einbauten sichtbar, um den besonderen, offenen Charakter zu untermauern.

Klimaschutz anspruchsvoll umgesetzt

In Sachen Klimaschutz setzt der Büroneubau Maßstäbe. Als Passivhaus konzipiert, erfüllt er energetisch höchste Standards. Von der Planung über die Bauphase bis hin zur Auswahl der Gebäudeausstattung wurden die Aspekte Nachhaltigkeit, Effizienz und Klimaschutz berücksichtigt. Zum einen wurde ausschließlich zertifiziertes Holz eingesetzt, zum anderen wurden sämtliche Vorgänge der einzelnen Gewerke und der Beschaffung einer CO2-Bilanzierung unterzogen. Die Bauteile der Tragkonstruktion stammen aus PEFC-zertifizierten Holz-Ressourcen, das Lärchenholz für die Fassadengestaltung aus FSC-Beständen. Bereits im Bau wurden rund 90 Prozent CO2 gegenüber der Verwendung von herkömmlichen Materialien eingespart. Durch ein Ausgleichsprogramm ist sichergestellt, dass auch das durch die Materialtransporte entstandene CO2 im Laufe einer Generation wieder gebunden wird. 2.438 m³ Holz wurden verbaut. Eine Menge, die in Deutschlands Wäldern in einem Zeitraum von 10 Minuten wieder nachwächst.





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