News RSS-Feed

13.01.2026 Börse: Wer die Wall of Fear hochklettert, braucht ein Sicherungsnetz

2025 ist als überdurchschnittlich gutes Börsenjahr in den Statistiken eingegangen: Dax plus 23 Prozent, EuroStoxx plus 20 Prozent, S&P500 plus 17 Prozent Dow Jones plus 14 Prozent, Nasdaq plus 20 Prozent und Japans Nikkei sogar plus 26 Prozent. Den Zahlen nach ist es das dritte gute Börsenjahr in Folge. Dennoch sind viele Investoren unzufrieden. Nach dem Kurseinbruch im April 2025 hatten viele von ihnen mit einem schlechten Jahr für Aktien gerechnet. Dass die Aktienindizes dennoch immer weiter kletterten, machte den Kursanstieg zu einer „ungeliebten Rally“. Etliche Akteure hatten den Einstieg verpasst und mussten den Rest des Jahres den Gewinnen hinterherlaufen.

Eine derartige Diskrepanz zwischen negativem Sentiment und aufstrebenden Aktienmärkten ist an Börsen immer wieder mal zu beobachten, daher auch das geflügelte Wort von der „ungeliebten Rally“. Beispielsweise war sie nach dem Brexit 2016 zu beobachten, als die Mehrheit der Anleger davon ausging, dass Großbritanniens EU-Austritt eine Katastrophe für Europa sei. Doch schon nach einem Monat stiegen die Märkte wieder, obwohl sich an der Grundeinschätzung nichts geändert hatte.

Über die „Wall of Fear“ zu neuen Börsenrekorden

Dafür gibt es ein schönes Bild, die sogenannte „Wall of Fear“. Weil nach einem negativen Ereignis zwar Angstszenarien die Börsenstimmung dominieren, die Märkte aber dennoch nach oben drehen, sprechen Börsenakteure vom Erklimmen dieser Mauer der Angst. So war es auch 2025: Nach den Zollankündigungen von US-Präsident Trump im April fürchtete eine Mehrheit der Marktteilnehmer ein schlechtes Börsenjahr mit weiteren Rückschlägen. Doch die blieben aus und schon nach zwei Wochen liefen die Märkte wieder schnurstracks nach oben. Auch wenn im Sommer kurzzeitig das Sentiment wieder von Gier getrieben war – Stichwort KI-Aktien –, waren am Jahresende viele Marktteilnehmer überrascht, wie gut die Märkte noch gelaufen sind. Am liebsten wäre es diesen Investoren gewesen, wenn etwa der S&P 500 nochmal um zehn Prozent und mehr nach unten korrigiert hätte. Dann hätten sie im Tief wieder gekauft und die volle Performance bis zum Jahresende verbuchen können. Doch die Korrektur ist ausgeblieben und sie mussten vom Seitenrand zusehen, wie die Märkte ohne sie stiegen.

Außergewöhnliche Marktphase mit großem Rückschlagpotenzial

Anleger, die langfristig orientiert sind, können sich aber nicht darauf verlassen, dass der Markt jedes Schreckensszenario einfach so wegsteckt, sondern das Gesamtbild betrachten. Wer auf die Börsenentwicklung der „Roaring Twenties“ blickt, wird ernüchtert feststellen, dass wir uns einer Umbruchphase befinden, die noch andauert. Es gibt geopolitische Konflikte, BRICS plus gegen die USA, Fiskalprogramme und KI, die zweifellos die Welt verändern werden und weiterhin große Unsicherheit mit sich bringen, weil ihr Ausgang weiterhin ungewiss ist. Für Anleger bedeutet das, dass sie mit Rückschlägen rechnen müssen. Es wird schnelle Korrekturphasen geben, aber auch Gegenbewegungen. Diese außergewöhnliche Marktphase erleben Anleger bereits seit fünf Jahren. In dieser Zeit gab es schon drei Rückschläge um 20 Prozent und mehr an den Aktienmärkten. In so kurzen Abständen gab es das nicht einmal in den 1970er Jahren.

Auf der anderen Seite gibt es viele Faktoren, die für steigende Börsen im diesem Jahr sprechen. Beispielsweise die Zinssenkungen der Notenbanken, nicht nur in den USA. Dort dürfte die Geldpolitik stärker den Vorstellungen von Donald Trump entsprechen, der weitere Zinssenkungen fordert. Wie die Euro-Zone haben auch viele andere Länder ihre Zinsen bereits gesenkt. Die Börsen-Hausse der Jahre 2023 und 2024 war dank sinkender Leitzinsen im Wesentlichen liquiditätsgetrieben. Global betrachtet wird dieser Zinssenkungszyklus nun allmählich auslaufen, aber noch stützen die niedrigen Zinsen die Wirtschaft und damit auch die Aktienmärkte. Und wenn diese Unterstützung ihre Wirkung verliert, werden die Notenbanken bei Bedarf andere Maßnahmen ergreifen, um die Wirtschaft und die Staatshaushalte zu entlasten, beispielsweise durch Quantitative Easing, also den Ankauf von Anleihen. Das würde nicht nur wie bei Leitzinssenkungen die kurzfristigen Zinsen beeinflussen, sondern auch die langfristigen Zinsen, die für Investitionsentscheidungen eine zentrale Rolle spielen.

Zwischen Enthusiasmus und Horror-Story

Dennoch ist es nicht sicher, dass es so kommt. Über Zinssenkungen in den USA entscheidet der Rat der Federal Reserve, nicht nur der Fed-Präsident oder Trumps Gefolgsleute im Rat. Es ist also keineswegs ausgemacht, dass die Fed die Zinsen schon im kommenden Jahr auf drei Prozent und niedriger senkt. Die Befürchtungen einer dramatisch steigenden Inflation und eines kollabierenden US-Dollar könnten sich als stark übertriebene Horror-Story erweisen.

Ähnlich verhält es sich mit dem KI-Boom. Überall werden Datencenter für KI-Anwendungen gebaut, die Baubranche in den USA boomt deshalb. Ob diese aber auf Dauer benötigt werden und die erhofften Gewinne abwerfen, ist noch nicht absehbar. Ebenso wenig wissen wir heute, ob die hohen Bewertungen der KI-Unternehmen auf Dauer gerechtfertigt sind. Dass die hohen Erwartungen der Investorenmehrheit eintreffen, ist daher eine riskante Wette.

Liquidität erhöhen, breit aufstellen und mit Kursschwankungen rechnen

Den offensichtlichen Chancen und Risiken am Aktienmarkt steht eine vergleichbare Unsicherheit am Rentenmarkt gegenüber. Anleihen sollten trotz der zu erwartenden Zinsentwicklung nicht abgeschrieben werden. Noch lassen sich hier stabile Renditen erzielen. Und mal angenommen, die Zinsen 30-jähriger Staatsanleihen sinken von fünf auf vier Prozent, bedeutet das für Inhaber dieser Anleihen einen Kursgewinn von 25 Prozent im laufenden Jahr. Auch wenn die Mehrheit der Analysten internationale Aktien vorne sieht, könnten in so einem Szenario Staatsanleihen schnell zur erfolgreichsten Anlageklasse 2026 aufsteigen.

Die Beispiele zeigen, dass die Märkte sehr schnell in die eine oder andere Richtung kippen könnten. In dieser angespannten und von politischen Einflüssen geprägten Börsenstimmung ist eine Prognose der Börsenentwicklung im kommenden Jahr im Grunde Kaffeesatzleserei. Mit deutlichen Schwankungen ist in jedem Fall zu rechnen. Für das Börsenjahr 2026 kann man Anlegern eigentlich nur eine seriöse Empfehlung geben: Sie sollten sich für alle Szenarien wappnen und solide aufstellen. Das bedeutet konkret, dass sie mehr Liquidität vorhalten und ihre Investments breit streuen sollten, sowohl über die Assetklassen also auch über Branchen und Regionen innerhalb der Assetklassen. Dann dürfte es für Anleger ein ausbalanciertes, aber unter dem Strich rentables Jahr werden.

(Von David Wehner, Head of Liquid Assets bei FGTC Investment)
























Leserumfrage
Wir schätzen Ihre Expertenmeinung!
Hier ist unsere Leserumfrage:
schnell & unkompliziert
Jetzt starten!