News RSS-Feed

26.10.2026 Berlin: Aufgeben oder Aufräumen?

Der besorgte Anruf einer Freundin aus London wurde von einer Polemik aus der Süddeutschen Zeitung begleitet. Berlin sei verwahrlost, verdreckt und dysfunktional. Ob es wirklich so schlimm sei?

Ja. Stimmt alles. Es ist schlimm. Aber kommst du nicht aus London?

Auch ich konnte gerade über Wochen beobachten, wie entlang des klapprigen Bauzauns mitten vor dem Hauptbahnhof ein wachsendes Ensemble aus Matratzen, Einkaufswagen, Decken, Plastiktüten, dem Geruch von Urin und Bier den Zugang zunehmend beeinträchtigte.

Aber könnte ich denselben Text nicht auch über New York schreiben? Die wollen bis 2031 ihren Müll nicht mehr einfach nur in stinkenden Säcken auf den Bürgersteig werfen. Großstädte sind dreckig, laut, teuer und in der Regel schlecht regiert. Sonst wären sie Zürich.

Ja, Krisenmanagement bei Stromausfall und Olympia Bewerbungen sind nicht gerade Berliner Paradedisziplinen. Auch bei den alltäglichen Aufgaben rumpelt und pumpelt es auf allen Verwaltungsetagen. Und jetzt erstürmt Die Linke mit Palästinaflagge und Clan Bossen im Schlepptau den Rathausturm! Die Stadt sucht mal wieder nach ihrer Identität. Das macht sie ungefähr seit 800 Jahren.

Aber Untergang sieht anders aus. Berlin wächst seit 2010 um rund 500.000 Menschen. Das entspricht insgesamt der Größe von Hannover. Seit 2013 ist Berlins Wirtschaft real um rund 30 Prozent gewachsen – fast doppelt so stark wie Hamburg und mehr als doppelt so viel wie Deutschland insgesamt.

2025 wurden in Berlin mehr Start-ups gegründet als in München, Hamburg und Köln zusammen. So viel zum wirtschaftlichen Niedergang.

In Adlershof plant das Helmholtz-Zentrum mit BESSY III eine der modernsten Röntgenquellen der Welt, ein Milliardenprojekt. Herzog & de Meuron bauen Weltklasse am Kulturforum, allein die Sanierung des Pergamonmuseums auf der Museumsinsel kostet rund 1,5 Milliarden Euro. Sogar der Flughafen, ich wage es kaum zu erwähnen, funktioniert ganz passabel.

Aber die Stadt ist mit ihrem eigenen Erfolg überfordert

Die Zeit niedriger Zinsen wurde weitgehend verpennt. Heute sind Finanzierung und Bau so teuer, dass die fehlenden Wohnungen unter den aktuellen Bedingungen nicht mehr gebaut werden.

Das ist jetzt auch auf der politischen Agenda angekommen. Mit der Wohnungsfrage als zentrales Thema wurde Die Linke bei der Abgeordnetenhauswahl 2026 stärkste Kraft in Berlin.

Sie setzen auf den zwangsweisen Rückkauf der Wohnungsbestände, die vor gut 20 Jahren Strassenzugweise an Goldman Sachs u. a. Heuschrecken verschleudert wurden. Damals war die pleite Stadt froh, die defizitären und leeren Altbauten los zu bekommen.

Ich rate aber dringend, diese Irrfahrt zu beenden. Bis 2040 müssen 220.000 Wohnungen gebaut werden, um das Versäumte aufzuholen und Angebot und Nachfrage auszugleichen. Die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften allein sind mit dieser Aufgabe überfordert. Aber ein Jahrzehnte dauernder Enteignungsstreit mit den Wohnungseigentümern ist kaum als ermutigendes Einladungsschreiben an private Bauherren zu verstehen.

Die Bestandsmieten der BBU-Wohnungsunternehmen lagen Ende 2025 in Berlin bei durchschnittlich 7,18 Euro pro Quadratmeter nettokalt. Ihre rund 782.000 Wohnungen machen 44 Prozent des Berliner Mietwohnungsbestandes aus und sind nahezu vollständig vermietet. Deshalb ist nicht nur die Höhe der Bestandsmieten das Problem, sondern der Mangel an zusätzlichem Wohnraum.

Unzufriedenheit lässt sich politisch mobilisieren. Passende Wohnungen entstehen dadurch aber nicht. Das braucht Planung, Durchsetzungskraft und einen langen Atem. Dabei hilft kein Glaubenskrieg. Wer günstige Mieten will, muss günstigeres Bauen ermöglichen.

Herausreden ist zwecklos. Alle sind verantwortlich. Der Bund hat großen Einfluss: Bau-Turbo, zinsverbilligte KfW-Kredite, höhere Förderungen und steuerliche Entlastungen bis hin zu einer niedrigeren Mehrwertsteuer auf Bauleistungen und einfachere Standards können Bauen wieder günstiger machen.

Die Länder bestimmen Bauordnungen und Wohnraumförderung. Sie können auch Standards vereinfachen, langfristige Mietpreisbindungen fördern und Genehmigungsverfahren beschleunigen. Weniger Vorschriften, weniger Sonderwege, mehr Tempo.

Die Kommunen entscheiden schließlich, wo und wie schnell gebaut wird. Sie können Bauland ausweisen, Planungsrecht schaffen, den Bau-Turbo anwenden und öffentliche Grundstücke über Erbbaurecht, Sacheinlagen oder Konzeptvergaben günstiger vergeben.

Die Mietpreisbremse schützt Mieterinnen und Mieter.

Regierungen müssen sich an Ergebnissen messen lassen: An halbwegs gepflegten Strassen und Plätzen, angemessenen Sozialangeboten und fertiggestellten Wohnungen.

Es fehlt weder an Werkzeugen noch an Zuständigkeiten. Wer Wahlen gewinnen will, ist entweder in der Opposition oder muss liefern. Aufgeben ist keine Option.

(Kolumne von Eike Becker, Eike Becker_Architekten, veröffentlicht in Immobilienwirtschaft 05/2026)



























Leserumfrage
Wir schätzen Ihre Expertenmeinung!
Hier ist unsere Leserumfrage:
schnell & unkompliziert
Jetzt starten!