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25.09.2026 Köster testet zirkuläres Bausystem unter realen Baustellenbedingungen

Der Baukomplettanbieter Köster hat erstmals das zirkuläre Wandsystem SEMBLA® von Polycare auf einer echten Baustelle getestet: am Xperience Quartier bei München verbaute ein Team im Juni 2026 die ersten SEMBLA®-Wände mit zusammen rund 20 m² Fläche. Begleitet wurde der Test von Bauherr Art-Invest Real Estate, Architekturbüro HENN und der Materialdaten-Plattform Madaster.

Köster testet Nachhaltigkeit
Der Gebäude- und Bausektor verursacht laut Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) rund 40 % der deutschen Treibhausgasemissionen. Generalunternehmer Köster testet vor diesem Hintergrund gezielt Systeme, die diesen Fußabdruck senken können, bevor sie in größerem Maßstab zum Einsatz kommen. Im Juni diesen Jahres wurde das zirkuläre Bausystem SEMBLA® nun erstmals unter Realbedingungen getestet. Bauherr, Planer, Hersteller, das Hochbau-Team von Köster sowie das Polycare-Team werteten den Test gemeinsam aus.

Trocken gestapelt, mechanisch verspannt

Beim Praxistest, der auf der Baustelle des Xperience Quartiers in Taufkirchen bei München stattfand, ging es für das Team von Köster vor allem darum, SEMBLA® auf Herz und Nieren zu testen. „Bisher haben wir mit konventionellem Mauerwerk gearbeitet. Jetzt beim Produkt SEMBLA® schaut man auf das Mauerwerk natürlich aus einem ganz anderen Blickwinkel.", so Michael Anderl, Leiter der Produktion Hochbau bei Köster. Vor Ort verbaute das Team zwei SEMBLA® Wandelemente von je 2,23 x 4,5 Metern, zusammen rund 20 m² auf 9 Metern Länge. Die einzelnen Steine wurden dabei nicht vermörtelt, sondern trocken aufeinander gestapelt und anschließend mit einem Spannsystem mechanisch verspannt.

Schon beim Aufbau zeigte sich ein deutlicher Unterschied zu klassischem Mauerwerk. Insgesamt brauchte das Team für beide Wände etwas mehr als zwei Stunden.
„Natürlich muss das Personal, das die Wand vor Ort montiert, geschult werden. Aber dann kann dieses Mauerwerk wesentlich schneller als konventionelles Mauerwerk erstellt werden", so Anderl. Klassisches Mauerwerk braucht hingegen laut gängigen Leistungswerten der Baubranche mehrere Stunden, plus 24 bis 48 Stunden Aushärtezeit für den Mörtel. Durch den Verzicht auf Mörtel spart man nicht nur Zeit, sondern auch CO2:„SEMBLA verzichtet komplett auf Zement als Bindemittel und spart
dadurch 70 Prozent der CO2-Emissionen ein", sagt Mark Niehüser, Berater für Kreislaufwirtschaft bei Köster. Zudem lässt sich das System am Ende der Nutzungsdauer zerstörungsfrei demontieren, sodass die einzelnen Bauteile wiederverwendet werden können.

Bauherr sieht Potenzial

Auch Arthur Seibert, Investment Manager bei Art-Invest Real Estate, zeigte sich beeindruckt vom SEMBLA® Bausystem: „Mich beeindruckt vor allem, dass die Bauteile so dünn, fertigstellbar sind. Es wird sich aber zeigen, wie viel Effizienzgewinn wir dann am Ende in der Planung erreichen können." Dünne Bauteile bedeuten üblicherweise weniger Tragfähigkeit. Laut Polycare erreicht SEMBLA® trotz der schlanken Wandstärke von 12,5 cm eine höhere Stabilität als klassisches Mauerwerk. Mit rund 170 kg/m² wiegt das System deutlich weniger als klassisches Mauerwerk (280–380 kg/m²) oder Stahlbeton (350–500 kg/m²) und erreicht als nicht tragende Innenwand Brandschutzklassen bis F60 sowie Schallschutzwerte bis 47 Dezibel. „Wenn das Thema Brandschutz noch konsequenter weitergedacht wird, dann sind solche schlanken Bauteile vielleicht auch bei anderen Asset-Klassen interessant.", so Seibert.

Transparenz durch Daten

Damit kreislauffähige Gebäude am Ende auch neue Geschäftsmodelle ermöglichen, benötigt es eine Bilanzierung über alle Bauteile und Systeme. Entscheidend ist, dass sich die gewählten Konstruktionen über den gesamten Lebenszyklus hinweg lückenlos nachvollziehen und nachverfolgen lassen, vom Einbau zum Rückbau bis hin zur Wiederverwendung. Genau an diesem Punkt kommt Madaster ins Spiel.
„Kreislauffähigkeit beginnt mit Transparenz. Weil SEMBLA® von Beginn an dokumentiert wird, liegen Materialinformationen und Materialfluss vollständig vor. Genau das bildet unser Zirkularitätsindex ab", sagt Friederike Motzkus, Platform Expert bei Madaster.

Der wirtschaftliche Hebel folgt daraus unmittelbar: Ist ein wiederverwendeter Baustein günstiger als ein neu produzierter, haben Bauherr und Hersteller ein gemeinsames Interesse daran, Bauteile im Kreislauf zu halten, statt sie neu herzustellen. Zirkularität wird damit nicht mehr nur ökologisch, sondern auch ökonomisch begründet.

Gebäude als Multi-Asset

Was im Kleinen für den einzelnen Baustein gilt, gilt für Polycare-CEO Andreas Kunsmann im Großen für das ganze Gebäude: „Wenn wir Gebäude so bauen, dass wir die Bauteile zurückgewinnen und direkt wiederverwenden können, wird ein Gebäude zum Multi-Asset. Die verbauten Materialien behalten ihren Wert", sagt Kunsmann. Der Business Case eines Gebäudes definiert sich in Zukunft nicht mehr ausschließlich über die Mietrendite oder Energie-Effizienz, sondern eben auch über die verbaute Materialität. Dieser Trend wird über die anstehenden regulatorischen Veränderungen verstärkt, etwa durch den für 2026 angekündigten EU Circular Economy Act mit verbindlichen Quoten für zirkuläres Bauen.

Für Polycare markiert der Praxistest damit den Übergang von der Entwicklung zum ersten realen Bauprojekt. Für die Planungsseite ist der Praxistest ebenfalls ein erster Blick auf ein neues System im realen Baukontext. Karolin Do-Tran vom Architekturbüro HENN sieht großes Potenzial, verweist aber auf offene Fragen, etwa beim Anschluss an andere Bauteile. „Angesichts der Klimaziele im Bausektor kommt es fast schon zu spät auf den Markt. Ich bin davon überzeugt, dass da großes Potenzial drinsteckt", sagt Do-Tran.

Die nächsten Schritte

Für die Beteiligten fällt das Fazit positiv aus: Geschwindigkeit, Einfachheit und Optik von SEMBLA® haben überzeugt, entsprechend groß ist das gesehene Potenzial für weitere Projekte. Gleichzeitig fließen die Erfahrungen direkt in die Weiterentwicklung ein:
der Planungsprozess wird weiter digitalisiert, ein regelbasiertes Tool soll die Systemregeln künftig automatisiert in die Planung überführen, inklusive BIM- und IFC-Schnittstelle. Zusätzlich ist ein Brandwandtest geplant, der SEMBLA® auf die Feuerwiderstandsklasse F90 prüfen soll. Voraussetzung, um das System künftig auch für andere Gebäudetypologien einzusetzen. Parallel wird das Planungshandbuch mit allen gängigen Anschlussvarianten finalisiert, damit sich SEMBLA® flexibel mit unterschiedlichen Bauteilen kombinieren lässt.

Der Praxistest am Xperience Quartier ersetzt keinen Langzeitbeweis, liefert aber den ersten sichtbaren Beleg, dass SEMBLA® unter realen Baustellenbedingungen funktioniert. Das nächste Projekt steht bereits in den Startlöchern: Die Erkenntnisse aus dem Praxistest fließen dort direkt in die Anwendung ein.


























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