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22.07.2026 Unternehmensinsolvenzen auf höchstem Stand seit 2018

Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland steigt deutlich. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts beantragten im März 2026 rund 2.300 Unternehmen Insolvenz. Das waren 15,8 Prozent mehr als im Vorjahresmonat, in absoluten Zahlen erreichten Insolvenzen den höchsten Wert seit 2018. Auf den ersten Blick wirkt diese Entwicklung wie eine Folge der schwachen Konjunktur, tatsächlich steckt aber mehr dahinter.

Die Insolvenzwelle ist ein Stresstest für Geschäftsmodelle, Kapitalstrukturen und Investitionsfähigkeit im Mittelstand. Sie zeigt, welche Belastungen sich über Jahre aufgebaut haben und wo Unternehmen besonders verwundbar sind. Zeit also für eine Bestandsaufnahme: Welche Unternehmen geraten unter Druck, welche strukturellen Schwächen treten zutage und welche Rolle spielen Finanzierung und Kredite?

Wenn Kosten steigen und Nachfrage ausbleibt

Es gibt mehrere Gründe für die gestiegene Zahl der Schließungen: Die Zinswende seit 2022 hat Fremdkapital verteuert, Energie- und Personalkosten bleiben hoch, die Binnennachfrage entwickelt sich schwach, protektionistische Handelspolitik belastet das Exportgeschäft. Besonders schwierig ist die Lage für Branchen mit dünnem Kapitalpuffer und hoher Kostensensitivität. Laut Destatis war die Insolvenzhäufigkeit im Wirtschaftsabschnitt Verkehr und Lagerei mit 32,1 Fällen je 10.000 Unternehmen am höchsten. Es folgten das Gastgewerbe mit 30,3 Fällen und das Baugewerbe mit 26,7 Insolvenzen. Gerade in diesen Bereichen wirken steigende Kosten, schwankende Nachfrage und enge Spielräume bei der Liquidität schnell existenzgefährdend.
Hinzu kommt häufig eine Kettenreaktion, denn in eng vernetzten Branchen bleibt eine Insolvenz selten isoliert. Wenn ein Auftraggeber oder wichtiger Kunde ausfällt, geraten Lieferanten, Subunternehmer und Dienstleister oft ebenfalls unter Druck. Eine einzelne Unternehmenskrise kann so zum Problem entlang der Wertschöpfungskette werden.

Neue Zinsrealität verschärft den Druck auf Unternehmen

Viele Geschäftsmodelle wurden in einer Phase aufgebaut, in der Kapital billig und Kredite vergleichsweise leicht verfügbar waren. Die Niedrigzinslogik, auf der viele Finanzierungsmodelle lange beruhten, trägt mittlerweile nicht mehr. Für Mittelständler bedeutet das: Fremdkapital wird teurer in einer Phase, in der viele Unternehmen ohnehin knapp finanziert sind.

Gleichzeitig prüfen Banken vorsichtiger, wodurch eine doppelte Belastung entsteht: Kredite werden nicht nur teurer, sondern auch schwerer zugänglich. Besonders betroffen sind kleinere und jüngere Unternehmen ohne lange Bonitätshistorie sowie kapitalintensive Betriebe. Problematisch ist das deshalb, weil viele KMU eigentlich in Digitalisierung, Automatisierung und Energieeffizienz investieren müssten.

Nicht jede Insolvenz ist ein Zeichen für gescheitertes Geschäftsmodell

Trotz gestiegener Insolvenzen sollte man differenzieren: Es gibt Unternehmen, deren Geschäftsmodell grundsätzlich tragfähig ist, die aber wegen kurzfristiger Liquiditätsprobleme in eine Krise geraten. Das kann zum Beispiel passieren, wenn Kunden verspätet zahlen oder ein Großauftrag wegbricht. In solchen Fällen ist nicht das Geschäftsmodell das Problem, sondern der Finanzierungsmix.

Anders sieht es aus, wenn die Probleme strukturell sind. Ein Geschäftsmodell ist dann dauerhaft gefährdet, wenn die operative Marge über Jahre sinkt, obwohl die Umsätze stabil bleiben. Oder auch wenn Marktanteile verloren gehen, Neukunden ausbleiben oder notwendige Sanierungen keine Wirkung mehr zeigen. Diese Unterscheidung ist entscheidend, eine Liquiditätskrise kann überbrückt werden, wenn das Geschäftsmodell tragfähig ist und Finanzierung rechtzeitig neu aufgestellt wird. Ein strukturell nicht mehr wettbewerbsfähiges Geschäftsmodell lässt sich hingegen nicht allein durch zusätzliche Liquidität retten.

Eigenkapitalquote vor allem bei kleinen und jungen Unternehmen entscheidend
Eine hohe Eigenkapitalquote kann wie ein Stoßdämpfer wirken, weil sie Verluste auffängt, ohne dass die Zahlungsfähigkeit sofort gefährdet ist. Robuste Unternehmen unterscheiden sich daher weniger durch einzelne Kennzahlen. Vielmehr sind drei Größen besonders relevant: die Eigenkapitalquote, das Verhältnis von operativem Ergebnis (EBIT) zu Zinsaufwand und die Liquiditätsreichweite. Unternehmen, die in allen drei Bereichen solide aufgestellt sind, können auch wirtschaftliche Flauten überstehen. Wenn zwei dieser drei Kennzahlen kippen, steigt das Insolvenzrisiko hingegen deutlich.

Man sollte die Lage am Markt aber differenziert betrachten, denn grundsätzlich sind viele Mittelständler finanziell nicht schlecht aufgestellt. Die durchschnittliche Eigenkapitalquote stieg laut KfW 2024 wieder leicht auf 30,7 Prozent, der Anteil schwach kapitalisierter Mittelständler mit Quoten unter zehn Prozent sank auf 28,4 Prozent. Das eigentliche Problem liegt in der Verteilung: Es gibt ein signifikantes Segment – häufig kleinere, jüngere oder besonders kapitalintensive Unternehmen – mit dünner oder negativer Eigenkapitaldecke, das bei jedem Rückschlag unmittelbar in die Zahlungsunfähigkeit rutschen kann. Genau dieses Segment trägt überproportional zur aktuellen Insolvenzstatistik bei.

Mittelstand muss Finanzierung breiter denken

Ein häufiger Fehler in Krisenphasen besteht darin, Finanzierung erst dann neu aufzustellen, wenn der Druck bereits akut ist. Viele Mittelständler setzen zunächst ausschließlich auf die Hausbank. Das ist nachvollziehbar, kostet aber wertvolle Zeit, wenn Kreditverhandlungen sich verzögern oder scheitern. Andere konzentrieren ihre Finanzierung auf eine einzige Quelle und machen sich damit abhängig von einseitigem Risiko.

Hinzu kommt, dass Working Capital in vielen Unternehmen selten aktiv gesteuert wird. Forderungen, Lagerbestände und Zahlungsziele binden häufig erhebliche Liquidität. Wer hier früh ansetzt, kann Spielräume schaffen, ohne sofort neue Fremdmittel aufnehmen zu müssen. Dafür braucht es jedoch belastbare Liquiditätsplanung und regelmäßige Analyse.

Bankkredite bleiben wichtig, aber sie sind nicht mehr die Antwort auf jede Finanzierungslage. Ergänzende Instrumente wie Nachranganleihen, Genussscheine, Anleihen oder andere Formen des Beteiligungskapitals können helfen, tragfähige Unternehmen breiter aufzustellen und das Eigenkapital zu stärken. Gleichzeitig verringert es die Abhängigkeit von einem oder wenigen Finanzierern. Entscheidend ist nicht, eine Finanzierungsquelle durch eine andere zu ersetzen. Entscheidend ist ein Finanzierungsmix, der zum Geschäftsmodell, zur Kapitalstruktur und zum Investitionsbedarf passt.

Insolvenzwelle: Wann Marktbereinigung zum Flächenrisiko wird

Mittelfristig dürfte sich ein zweigeteiltes Bild zeigen. Ein Teil der aktuellen Insolvenzen ist eine längst überfällige Marktbereinigung. Geschäftsmodelle, die bereits vor 2020 nur knapp tragfähig waren und durch Förderprogramme, Stundungen oder günstige Kredite länger stabilisiert wurden, geraten nun endgültig unter Druck. Diese Bereinigung ist für Betroffene schmerzhaft, volkswirtschaftlich aber nicht in jedem Fall vermeidbar.

Die größere Gefahr liegt in den Sekundäreffekten. Wenn grundsätzlich gesunde Unternehmen wegen temporärer Liquiditätsengpässe scheitern, entstehen vermeidbare Schäden. Arbeitsplätze gehen verloren, Lieferketten reißen, Investitionen bleiben aus und regionale Wirtschaftsstrukturen werden geschwächt. Genau dieses Risiko steigt, wenn restriktive Kreditvergabe, hohe Kosten und schwache Nachfrage gleichzeitig wirken.

Die Insolvenzwelle ist somit mehr als bloß ein konjunkturelles Warnsignal. Sie zeigt, dass die Phase einfacher Finanzierung und aufgeschobener Strukturentscheidungen vorbei ist. Die kommenden Jahre werden für Mittelständler noch kapitalintensiver, selektiver und anspruchsvoller. Wer frühzeitig Reserven aufbaut, Finanzierung breiter denkt und notwendige Investitionen nicht weiter verschiebt, kann auch in diesem Umfeld handlungsfähig bleiben.

(Marktkommentar von Dirk Littig, Co-Geschäftsführer von CONDA Capital Market)


























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