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06.07.2026 Globale Aktien: Warum die US-Dominanz an Börsen brüchiger wird

Nach fast zwei Jahrzehnten außergewöhnlicher US-Outperformance ist es an der Zeit, dass Anleger ihre bisherigen Annahmen über den US-Aktienmarkt kritisch überprüfen. Dieser Ansicht ist Ronald Temple, Chief Market Strategist bei Lazard: „American Exceptionalism war über lange Zeit die prägende Investmentthese an den globalen Aktienmärkten. Doch die Treiber dieser Outperformance sind heute weniger eindeutig als in den vergangenen Jahren.“

Das bedeute nicht, dass Anleger US-Aktien meiden oder sich gar gegen den US-Markt positionieren sollten. Die Vereinigten Staaten blieben ein Markt mit hoher Innovationskraft, starker Kapitalproduktivität und führenden Unternehmen. Gleichwohl sprächen hohe Bewertungen, eine starke Marktkonzentration, ein schwächerer US-Dollar und zunehmende Zweifel an der Nachhaltigkeit des KI-Investitionsbooms dafür, US-Gewichtungen kritischer zu überprüfen. „Es geht nicht darum, den US-Markt abzuschreiben. Es geht darum, Portfolios nach Jahren extremer US-Dominanz wieder breiter aufzustellen“, so Temple.

US-Aktien dominieren globale Portfolios

Ein zentraler Punkt sei die hohe Konzentration vieler globaler Portfolios. US-Aktien machten inzwischen mehr als 60 Prozent des MSCI All Country World Index aus. Damit seien internationale Anleger in vielen Fällen deutlich stärker vom US-Markt abhängig, als ihnen möglicherweise bewusst sei.

Viele Investoren wüssten zwar, dass ihre US-Exponierung hoch sei. Gleichzeitig zögerten sie jedoch, US-Aktienpositionen zu reduzieren, weil sie fürchteten, weitere KI-getriebene Kursgewinne zu verpassen. „Die Sorge, zu früh aus dem US-Markt auszusteigen, ist nachvollziehbar“, sagt der Experte. „Aber sie sollte Anleger nicht davon abhalten, die Risiken einer zu einseitigen Allokation zu analysieren.“

Hinzu komme der US-Dollar. Nach seiner starken Aufwertung in den Jahren 2021 und 2022 habe die US-Währung bereits einen beträchtlichen Teil ihrer Gewinne wieder abgegeben. Temple erwartet, dass sich diese Schwäche in den kommenden Jahren fortsetzen könnte. Für europäische Anleger sei dies relevant, da ein schwächerer Dollar die in Euro gerechneten Renditen von US-Anlagen belasten und zugleich Nicht-US-Anlagen relativ attraktiver machen könne.

KI-Boom: Technologisch überzeugend, ökonomisch noch nicht bewiesen

Der KI-Boom bleibe ein wichtiger Treiber der US-Märkte. Zugleich steige der Druck, die hohen Erwartungen auch wirtschaftlich zu rechtfertigen. Die Investitionsausgaben großer US-Hyperscaler dürften 2026 mehr als 750 Milliarden US-Dollar erreichen und damit um über 80 Prozent gegenüber 2025 steigen. Zwischen 2026 und 2030 könnten sich die kumulierten KI-Investitionen auf fünf bis zehn Billionen US-Dollar belaufen.

Technologisch sei die Relevanz von KI kaum zu bestreiten. Aus Anlegersicht komme es jedoch darauf an, ob die enormen Investitionen auch attraktive Kapitalrenditen für Aktionäre erzielen könnten. „Der Fahrplan zu überzeugenden Renditen auf das eingesetzte Kapital ist bislang nicht bei allen Unternehmen klar genug“, so Temple.
Zugleich bestehe das Risiko, dass KI-Anwendungen im Zeitverlauf stärker zur standardisierten Infrastruktur würden. Wenn Unternehmen und Verbraucher vor allem auf Kosten und Verlässlichkeit achteten, könnten günstigere Anbieter Marktanteile gewinnen, ohne dieselben Investitionen wie die heutigen Marktführer tragen zu müssen. „Es wird zweifellos Gewinner geben“, sagt Temple. „Entscheidend ist aber, ob die heutigen Erwartungen für alle Teile der Wertschöpfungskette nachhaltig sind.“

Hohe Erwartungen machen den US-Markt anfälliger

US-Unternehmen erzielten im internationalen Vergleich weiterhin hohe Kapitalrenditen, was einen Bewertungsaufschlag rechtfertige. Dieser sei jedoch anspruchsvoll, zumal sich die relativen Renditen anderer Märkte zuletzt verbessert hätten.

Gerade bei hohen Bewertungen reiche es nicht, dass Unternehmen gut aufgestellt seien. Sie müssten auch die sehr hohen Gewinnerwartungen erfüllen. Bleibe die Gewinnentwicklung hinter diesen Erwartungen zurück oder belasteten höhere Zinsen die Multiplikatoren, könne die Anfälligkeit des US-Marktes steigen. „US-Aktien bleiben attraktiv, aber sie sind nicht risikolos“, erklärt Temple.

Für Anleger bedeute dies, dass die starke Gewichtung von US-Aktien in vielen Portfolios nach den vergangenen Jahren nicht einfach fortgeschrieben werden sollte. Gerade nach einer langen Phase überdurchschnittlicher Wertentwicklung könne es sinnvoll sein, stärker auf Regionen und Marktsegmente mit günstigeren Bewertungen und breiteren Renditetreibern zu achten.

US-Konjunktur: Widerstandsfähigkeit mit schmalerer Basis

Auch die US-Wirtschaft wirke auf den ersten Blick robuster, als sie bei genauerem Hinsehen sei. Der Arbeitsmarkt habe sich zwar stabilisiert, doch Unternehmen blieben bei Neueinstellungen zurückhaltend. KI-getriebene Automatisierungserwartungen und zollbedingte Kostenunsicherheit belasteten die Einstellungsbereitschaft.

Zugleich dürfte die sogenannte K-förmige Wirtschaft an Bedeutung gewinnen: Vermögendere Haushalte profitierten von hohen Aktienkursen, Immobilienwerten und anderen Vermögenspreisen, während einkommensschwächere Haushalte stärker unter Inflation, schwächerem realem Lohnwachstum und begrenzten Ersparnissen litten.
Diese Divergenz sei erheblich. Ende 2025 habe das Nettovermögen der US-Haushalte insgesamt 175 Billionen US-Dollar betragen. Die untere Hälfte der Haushalte habe jedoch nur rund 4,3 Billionen US-Dollar beziehungsweise 2,5 Prozent des Gesamtvermögens gehalten, während das oberste Prozent 55,9 Billionen US-Dollar oder 31,9 Prozent kontrolliert habe.

Solange Aktienkurse, Immobilienwerte und andere Vermögenspreise hoch blieben, könne das US-Wachstum solide erscheinen. Die Qualität dieses Wachstums sei jedoch anfälliger, wenn es zunehmend von einem kleineren Teil der Haushalte getragen werde. „Die US-Wirtschaft ist nicht schwach“, betont der Ökonom. „Aber ihre Widerstandsfähigkeit beruht auf einer schmaleren Basis, als die aggregierten Daten vermuten lassen.“

Diversifikation statt Abkehr vom US-Markt

Für Anleger ergebe sich daraus kein Plädoyer gegen US-Aktien, sondern für eine breitere globale Allokation. Die USA blieben wichtig, aber die Zeit nahezu unangefochtener US-Dominanz könnte zu Ende gehen. Temple sieht deshalb bessere relative Chancen außerhalb der USA, insbesondere in Märkten mit attraktiveren Bewertungen, soliden Gewinnperspektiven und möglichem Rückenwind durch einen schwächeren US-Dollar.

Das zentrale Fazit lautet für Temple: „Investoren sollten ihre US-Positionierung nicht abrupt aufgeben. Aber sie sollten die Annahmen hinter ihrer Allokation überprüfen.“ Nach fast zwei Jahrzehnten außergewöhnlicher US-Outperformance spreche vieles dafür, Portfolios globaler, ausgewogener und stärker auf unterschiedliche Renditetreiber auszurichten. „Jetzt könnte ein günstiger Zeitpunkt sein, Asset-Allokationen neu zu justieren – nicht aus Angst vor den USA, sondern mit Blick auf ein verändertes Verhältnis von Chancen und Risiken.“
























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